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    Die Geschichte eines Militärkraftfahrers aud der DDR aus 1985..

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    sven kyek
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    Umfrage Die Geschichte eines Militärkraftfahrers aud der DDR aus 1985..

    Beitrag  sven kyek am Mo 28 Jan 2013 - 9:00


    Mit 24 wurde ich als Militärkraftwahrer zur Militärstreife der Nationalen Volks-
    armee eingezogen.Das erste Halbjahr war in Potsdam Grundausbildung.
    Dienstvorschriften lernen,Sport,Pistole schießen,Selbstverteidigung und im
    fließenden Verkehr von Potsdam auf allen Kreuzungen regulieren.Nach der
    Grundausbildung wurde ich dann nach Berlin zum Standortstreifenzug nach
    Berlin verlegt.Unterbringung war in den Kaiserlichen Kasernen am Kupfer-
    graben auf dem Dachboden. Im Objekt waren hauptsächlich die Soldaten
    die am Mahnmal unter den Linden exerzieren mussten.Als Streifenfahrzeuge hatten wir B 1000. Die meisten waren uralt aber immer hochglanzpoliert und
    zum Abschluß mit Diesel eingerieben.Das gab zumindest von weitem,wo
    man den Dieselgestank nicht mehr roch , ein Gefühl von Neuwagen.Die Tage
    liefen immer gleich ab.06.Uhr aufstehen,Frühsport,Frühstück. 08. Uhr
    Dienstbeginn.bis 14.Uhr Politunterricht,Dienstvorschriften,StVO,StVzO
    Schießen u.s.w.
    14.Uhr bis 17.Uhr Standortstreife,kreuz und quer durch Ostberlin.
    19.Uhr bis 21.Uhr zweiter Teil.Wieder der Fahrer,ein Offizier und 2 Gefreite.
    An vielen Orten,in Gaststätten und auf Bahnhöfen war ich froh das ich als
    Fahrer nicht mit aussteigen musste.Mir hat schon alle 3 Wochen der Dienst
    in der Standortarrestanstalt die auch im Objekt unter einer S-Bahnbrücke
    lag ausgereicht.Das war wie Zelten an der A 7.
    Nach der Streife war dann Bereitschaft.Von 21.Uhr bis zum Dienstbeginn
    am nächsten morgen 06.Uhr.Das hieß wenn Soldaten die in Berlin wohnten
    sich aus Kasernen irgendwo in der DDR unerlaubt entfernt haben kriegten
    wir Fernschreiben mit meist mehreren Adressen wo sich der Soldat in Berlin
    aufhalten könnte.Mal bis zu 5 Anschriften und dann bis zu 3 Fernschreiben
    pro Nacht.Meistens kam man totmüde morgens um 4 bis 5.Uhr in`s Bett.
    Bevor der Streifenführernach Hause ging versprach er noch Bescheid zu
    geben,das ich und meine Brigade schlafen können und nicht zum Frühsport
    müssen.Davon wollte der neue Diensthabende regelmäßig nichts gewußt
    und zack lief man seine 3000 m schon wieder vor dem Frühstück.
    Das hat mich in der Zeit fast zum Wahnsinn getrieben.Aber ich hatte dadurch
    verstanden das Schlafentzug als Foltermethode genutzt wurde und sogar
    zum Tode führen kann. in China aber nicht in der DDR dachte ich und wurde
    immer mehr darüber verärgert.Meinem Freund,auch Kraftfahrer,Frank aus
    Schwerin ging es auch so.Da mußte Ablenkung,da mußte Spaß als
    Entschädigung her. Das war auch bald gefunden.Da wir direkt dem Berliner
    Standortkommanten unterstellt waren,gabs Spezialaufträge.Der kriegte immer
    Besuch von Militärs aus Mosambik.Vietnam und weiß der Fuchs von wo noch.
    Die kamen dann am Flughafen Schönefeld an und wurden standesgemäß
    mit Volvo-PKW zur Regattastrecke Berlin Grünau in die Gästevilla gefahren.
    Wir durften die dann mit unseren B 1000 und Blaulicht eskortieren und mußten an jeder Kreuzung mit Regulierstab raus und für freie Fahrt sorgen.An diesen Tagen brauchten wir auch keine Streife fahren.Wir haben wie die kleinen
    kinder auf Weihnachten auf den Anruf gelauert,den Gast Nachts wieder zum
    Flughafen zurück zu bringen.Dann kam unsere große Stunde.Damals waren die Straßen im Gegensatz zu Heute wie leer gefegt.
    Kaum das alle weg waren,sind wir dann mit Blaulicht und Höchstgeschwindigkeit durch Berlin gerast.Wer zuerst am Schlagbaum
    im Zentrum war oder die beste Zeit hatte war der Sieger.
    Das hat riesig Spaß gemacht.Aber irgendwie war es das noch nicht.
    Dann kam mein Tag ! Ich bekam als einziger einen 11-Sitzer B 1000 Bus.
    Nagelneu und mit LED-Anzeige für den Momentanverbrauch.Während ich
    den Bus-Schein für mein neues Gefährt machte,kam mir die zündene Idee.
    Zum Monatsende hat der Spieß immer den was Kraftstoffverbrauch betrifft,
    sparsamsten Kraftfahrer mit einem verlängerten Kurzurlaub oder Sonderurlaub
    bedacht.Das war für mich bis dahin ja nie ein Thema,weil ich ja einen
    Wochenbedarf schon bei 2 unserer Nachtrennen durch den Auspuff gejagt
    habe.
    Nun waren es die LED-Anzeige und die Standheizung die mein Bus exclusiv
    hatte,die mich inspiriert haben, nicht nur an den Nachtrennen sonder auch am
    Wettbewerb um den geringsten Benzinverbrauch teilzunehmen.
    Und siehe da,4 Monate in Folge war ich der Sieger mit dem wenigsten Benzin-
    verbrauch.Obwohl wir weiter heimlich Rennen fuhren.Das war ja auch mit
    der neuen Technik,Momentananzeige und im Beisein von Offizieren besonders
    schonender und vorrausschauender Fahrweise sehr gut zu begründen.
    Aber dann fand das Ganze ein jähes Ende.Der Spieß ließ mich in sein Zimmer
    rufen und schrie mich schon in der Tür an,er würde mich nach Bautzen in den
    Militärknast befördern.Aus heutiger Sicht habe seiner Meinung nach das
    weltweit erste 3-Liter-Auto erfunden
    Er hatte nämlich,womit ich nie gerechnet hätte,sich vom Tankwart unserer
    Hoftankstelle, die Abrechnung kommen lassen,wo die Literzahlen für die
    Zusatzheizungen erfasst wurden.Dort stellte er fest das der Verbrauch
    meiner Heizung auf dem Papier zumindest,ausgereicht hätte um den
    Alexanderplatz zu beheizen.
    Nun kam heraus,das ich den Tankwart und seine Kollegen über Monate mit
    bergeweise Kaffeetüten bestochen hatte und die immer beim betanken meines
    Busses einen Teil auf die Standheizug abschrieben, Im Sommer !!

    Öffentliche Verurteilung und Gefängnis ist mir nur erspart geblieben,weil ich
    ihn am Ende seines Wutanfalls daran erinnerte,das ich wüsste,das er mit der Werkstatt unter einer Decke steckte und illegal Ersatzteile für Wartburg und
    B1000 die im Zivilbereich kaum oder garnicht zu haben waren,auf NVA
    Fahrzeuge abgeschrieben und heimlich verschachert hat.

    Na dann Allen noch einen schönen Tag

    Sven Kyek